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Was ich gegen #SARS-CoV-2 habe

Francesca Palumbo, italienische Intensivpflegefrachkraft
Alberto Giuliani

Aktuell hat man den Eindruck, dass die Landesregierungen eher den Lockdown bekämpfen als die Pandemie. Obwohl es niemals eine Mehrheit für Öffnungen gab und aktuell die Verschärfung der Maßnahmen den mit Abstand meisten Zuspruch erhält. Ich gehöre unbedingt zu den Fans der Verschärfungen. Warum? Soll ich mal erzählen, was die Krankheit so mal ganz konkret auslöst?

Was Covid-19 anrichtet

  • Kolleginnen jeden Alters, die auf meinem Wohnbereich arbeiten und die Erkrankung hatten, nehmen derzeit nicht mehr die Treppe, weil sie nach jedem Etagenwechsel erst mal k.o. wären.
  • Nach einem gerade noch nicht krankenhauspflichtigem Verlauf hat eine Kollegin jetzt noch LongCovid in Form von Konzentrations- und Belastbarkeitstörungen, zuletzt kam auch noch ein Tremor hinzu.
  • Zwei andere Kollegen haben seit der Erkrankung, die bei beiden nahezu symptomlos verlief, eine Angststörung mit Tendenz zur PTBS entwickelt.
  • Mehrere Kolleginnen schmecken und riechen weiterhin nichts. Eine Kollegin gibt Fortschritte an: Leider riecht sie aktuell bei allem nur Pferdemist.
  • Und dann ist da noch die Kollegin, die derzeit nur noch Bürotätigkeiten machen kann, weil zu langes Stehen an ihrer Kondition nagt. An den zügigen Schritt, den es in der Pflege oft braucht, braucht man nicht mal zu denken. Sie war zuhause in Quarantäne als KP1 von erkrankten Bewohnern, hatte einen positiven PCR-Test und ist zuhause beim Versuch, ihre Hunde zu füttern, zusammen gebrochen. Die Rettungssanitäter boten ihr dann ein Beruhigungsmittel an, weil sie ihr nicht glaubten, dass sie Corona hat. Und erst im KH wurde ihre Sättigung gemessen. Da ging es dann recht zügig Richtung Intensiv.
  • Oder die Bewohnerin, die auch mehrere Monate nach der Infektion weiter keinerlei Appetit hat und ständig einschläft, z.T. während man mit ihr redet.
  • Oder die andere Bewohnerin, die vor (und sogar während) der Erkrankung zu den Fittesten im Haus gehörte, vom Positivtest überrascht war und sich das Bisschen Halsweh mit Dobendan kurierte. Sie kippte an Tag zehn unvermittelt von der Toilette, weil sie plötzlich eine Sauerstoffsättigung von unter 85 hatte und verstarb allein im Krankenhaus.

Ich hab zwei Mal ein Scheißglück gehabt, dass ich mich nicht infiziert habe.

  • Ich war an dem Wochenende, wo es bei uns im November losging, im Dienst. In genau dem Bereich, in dem es die meisten Fälle gab. Ich hatte überwiegend nur kurzen Kontakt zu den später positiv getesteten Personen, der summiert wohl knapp unter den 15 Minuten lag, der als Schwelle zur KP1 galt.1 Alle außer mir und einer Aushilfe, die nur stundenweise da war, waren später infiziert.
  • Ich hatte auch im April auf dem damals betroffenen Bereich ausgeholfen, als gerade die ersten positiven PCR-Tests eingetrudelt waren, und mehrere Leute als vermeintlich nicht infiziert in der Pflege gehabt, die später als positiv bestätigt wurden. Auch hier war in der Summe die Zeit bei diesen Personen wohl gering genug.

Beide Male hatte ich tagelang große Sorge, mich angesteckt zu haben und meine Familie anstecken zu können, weil meine Frau Risikopatientin ist. Ich habe mich zuhause isoliert und mit FFP2-Maske bei offenem Fenster geschlafen, damit nun ja keine Aerosole in den Rest der Wohnung gelangen. Weil ich weiß, was die Krankheit auslöst.2

LongCovid

Schon das Krankheitsbild Covid-19 ist kein Spaß3. Eine große Zahl von Personen derer die Krankheit überlebt haben – aktuell geht man überwiegend von circa 10% aus – , hat in der Folge LongCovid. In einer britischen Studie stellten 1,1 Millionen Briten bei sich Symptome fest, die mehr als vier Wochen nach der ersten Covid-19-Episode fortbestehen und nicht durch andere Ursachen zu erklären sind. 674.000 Personen berichten, dass LongCovid einen negativen Einfluss auf ihre Fähigkeit, alltägliche Handlungen vorzunehmen, hat. Von diesen Personen geben 196.000 an, dass diese Fähigkeit sehr beeinträchtigt ist. Am meisten betroffen sind soziale Berufe, also das Gesundheitswesen sowie Betreuung und Bildung.

Für Kinder sieht es ebenfalls nicht gut aus.

Auch in Deutschland wurde dies untersucht, wie die Pharmazeutische Zeitung berichtet:

Das sind eher Patienten im Jugendalter; Fälle in den ersten zehn Lebensjahren sind deutlich seltener. […] Daten aus Deutschland zu dem Thema gebe es bislang nicht, sagte Hufnagel, der mit Kollegen der Dresdner Universitätskinderklinik ein Register zu Krankheitsverläufen aller stationär behandelten Kinder und Jugendlichen mit SARS-CoV-2-Infektion der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie etabliert hat.

Eine Studie, bei der Haushalte mit Corona-Fällen über längere Zeit begleitet wurden, habe gezeigt, dass 5 Prozent der Kinder und Jugendlichen unter 14 Jahren drei Monate nach der Infektion noch mindestens ein Symptom aufwiesen. Bei Erwachsenen betreffe es hingegen bis zu jeden Dritten, schilderte Hufnagel. […] Schätzungen britischer Statistiker vom Office for National Statistics (ONS) zeigen ebenfalls, dass die Last nach durchgemachter Infektion bei Erwachsenen deutlich ausgeprägter zu sein scheint. Während der Anteil derjenigen, die fünf Wochen nach einer Infektion noch mindestens ein Symptom wie Husten, Fieber oder Müdigkeit haben, bei den Zwei- bis Elfjährigen bei rund 13 Prozent liegt, sind es bei den 12-bis 16-Jährigen 14,5 Prozent.

Pharmazeutische Zeitung: Mehr Corona-Spätfolgen bei Jugendlichen erwartet

Entwicklung der Fallsterblichkeit

Wenn wir aktuell auf 100.000 Fälle pro Tag zulaufen, wie es Christian Drosten bereits im Januar befürchtete, werden ca. 15% der Fälle wie oben erwähnt eine sehr große Zahl. Und auch bei sinkendem Alter der Personen, die schwer erkranken, wird die Fallsterblichkeit von Covid-19 schon rein statistisch dafür sorgen, dass ein relevanter Teil der Erkrankten gar nicht den Luxus hat, zu diesen ca. 15% zu gehören und Spätfolgen spüren zu müssen. Weil sie vorher der Krankheit erliegen.

Statistik: Todesfälle mit Coronavirus (COVID-19) in Deutschland nach Alter und Geschlecht (Stand: 30. März 2021) | Statista
Todesfall-Statistik von Statista

„Wer diagnostiziert wird mit diesem Virus, hat eine höhere Wahrscheinlichkeit, ins Krankenhaus zu müssen und auch zu versterben“

Christian Drosten

Möglicherweise kann die Quote durch das sinkende Alter der betroffenen Personen gesenkt werden. Möglicherweise ist B1.1.7 aber derart pathogen4, dass dieser Vorteil nicht zum Tragen kommt. Denn es wird bei fitteren Erkrankten zu einer längeren Überlebensdauer auf den Intensivstationen kommen, was gleichzeitig dazu führt, dass sich Pflege und Medizin um mehr Erkrankte gleichzeitig kümmern müssen. Das ist – wie immer – nachteilig für den Outcome, also werden allein dadurch mehr Menschen sterben.

Warum ist denn so viel Pflege notwendig?

Covid-19 ist ein sehr belastendes und pflegeaufwändiges Krankheitsbild. Für alle Beteiligten. Für die erkrankte Person ohnehin, aber auch für die Pflegende. Deswegen ist die Behandlung, insb. bei schweren Verläufen, sehr aufwändig. Und dies alles durch die zusätzliche Belastung durch die Persönliche Schutzausrüstung, die auf Covid-19-Stationen überlebensnotwendig ist. Bei sehr, sehr vielen intensivpflichtigen Covid-19-Patienten kommt es zur Intubation und somit zur invasiven Beatmung. Das ist ohnehin ein höchstaufwendiger Pflegeprozess, bei dem die Entwöhnung von der Beatmung, das Weaning, i.d.R. zwischen 40 und 50% der Gesamtbeatmungszeit ausmacht. Die Menschen sterben z.T. qualvoll, weil ihr Körper die massive Belastung durch Krankheit und die künstliche, z.T. extrakorporale Beatmung nicht mehr aushält. Intensivbehandlung ist kein Ponystreicheln, wo man plötzlich tot umkippt. Weniger als die Hälfte der beatmeten Covid-19-Fälle hat in den Intensivstationen überlebt.

Die steigenden Zahlen in den Intensivstationen sind kein gutes Zeichen.

DIVI-Tagesreport vom 1.4.2021

Vergesst die Schicksale hinter den Zahlen nicht!

An diesen vielen Einzelfällen hängen übrigens auch jetzt schon immer die entsprechenden Familien dran, für die das Erleben der Hilflosigkeit und der fehlenden Möglichkeit zur Kontaktaufnahme traumatisch sein werden. Das geht eventuell ein oder zwei Ecken über fehlende Spielkameraden und schlecht gelaunte Eltern hinaus.

Wer am Lockdown leidet, sollte mal die Intubation ausprobieren.

Hinter all den Fallzahlen stehen Menschen. Schicksale. Existenzen. Es ist Ausdruck eines menschenverachtenden Zynismus, wenn Schutzmaßnahmen ohne Kompensation zurückgefahren werden. Wenn Kontaktnetzwerke wie in Schulen und Großraumbüros nicht effektiv gekappt werden. All diese führt zu vermeidbaren Infektionen, zu vermeidbaren Komplikationen und zu vermeidbaren Todesfällen

Können wir bitte schnell #NoCovid einführen?

Fußnoten:

  1. Schnelltests gab es bei uns noch nicht. Zuerst musste das erstellte Testkonzept vom Gesundheitsamt bestätigt werden, dann waren die Schnelltests nicht so schnell lieferbar. Sie trafen leider erst sechs Tage nach den ersten Symptomen ein.[]
  2. Deswegen bekam ich neulich auch Puls, als jemand mein Profilbild bei Twitter, in dem ich die im Quarantänebereich vorgeschriebene Persönliche Schutzausrüstung trage, als paranoid bezeichnete. Wegen meiner ersten Antwort sperrte Twitter kurzzeitig meinen Zugang.[]
  3. Und wer jetzt Terz wegen den Folgen von AstraZeneca macht, sollte man die Risikoverhältnisse beleuchten. Thomas Moj hat das mal aus Leverkusener Sicht getan.[]
  4. Quelle1: Studie im British Medical Journey, Quelle 2: Studie in Nature[]

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