Netze und Systeme Politik und Gesellschaft

Von Lesern, Filtern und Diskussionshygiene

Entfolgen bei Twitter
Entfolgen bei Twitter

Ich hatte vor ein paar Tagen über eine Diskussion gepostet, deren Anlass gemessen an der von einer Seite vorgebrachten Emotionalität der Debatte erstaunlich nebensächlich war. Im Artikel erwähnte ich den Begriff „Filtersouveränität“:

Ich halte die Filtersouveränität für ein hohes (und viel zu selten eingesetztes) Gut. Jeder hat das Recht auf freie Meinungsäußerung, aber niemandem erwächst daraus das Recht, gelesen zu werden. Genauso wenig gibt es für andere eine Verpflichtung, die eigenen Texte zu lesen. Wo kämen wir denn da hin, wenn wir alles lesen müssten, was irgendwelche Schwachmaten ins Netz kübeln?1

Da der Begriff der Filtersouveränität im Zusammenhang mit der „filter bubble“ eine erweiterte Bedeutung bekommen hat, möchte ich in diesem Artikel erläutern, warum ich die Souveränität über eigene Filter insb. in Bezug auf die dem Usenet sehr ähnlichen Mailinglisten für so wichtig halte. Wie Mailinglisten hat das Usenet eine thematische Struktur. Trotz seiner grundsätzlich thematischen Ausrichtung hat das Usenet einen starken Hang zu Meta-Diskussionen, und wenn man aktuell Mailinglisten der Piratenpartei liest, wird man dies ziemlich sofort wiedererkennen. Durch seine Themenorientierung bietet das Usenet sogar Orte an, in denen Flames bzw. Debatten über die praktizierten Umgangsformen on topic sind. Es ging in der ehemaligen Newsgroup de.soc.netzkultur.umgangsformen oft um wenig sozialverträgliches Netzverhalten, welches gerne einen engen Verwandten des Shitstorms provozierte, den Flamewar. Die Debatten konnten in die passende Gruppe umgelenkt werden, damit in der Ursprungsgruppe weiter das ursprüngliche Thema diskutiert werden konnte. Oft funktionierte das gut, manchmal mussten jedoch Moderationen dafür sorgen, dass diese Grundregeln eingehalten werden. Und in de.soc.netzkultur.umgangsformen2 landete alles, was nicht bei drei auf den Bäumen war. Auch dies dürfte manchem Mailinglisten-Leser bekannt vorkommen.

In der anderthalb Jahre alten Diskussion um die Filtersouveränität wurde postuliert, dass die Festlegung von Filtern und Suchabfragen „das radikale Recht ausschließlich des Empfängers“ sei. Ich begrüße diese Sichtweise, weise aber darauf hin, dass Filtersouveränität auch eine Pflicht enthält. Bevor nämlich in Trollsenken reflexhaft nach Moderatoren gerufen wird, wäre es oft zielführender, den eigenen Filter zu nutzen. Filter sind – neben der Disziplin der Mitschreiber – das Mittel der Wahl, um Trolle auszuhungern, und wenn die Disziplin mal nachzulassen droht, hilft ein Filter dabei, die notwendige Konsequenz durchzuhalten. Filter dienen der Diskussionshygiene auf gleich drei Ebenen: Zum einen ist für den Filternden das Mitlesen der Diskussion nach dem Filtern wieder angenehmer, weil die Nachrichtenflut um ärgerliche Elemente reduziert wird. Für den Gefilterten ist es ebenso produktiv, weil dieser keine ggf. angepissten Kommentare des Filternden auf seine Nachrichten mehr lesen muss. Ideal wäre es ohnehin, wenn sie beide sich gegenseitig in den Filter stecken. Am meisten haben die anderen Mitleser davon, die dem Teufelskreis der sich anfauchenden Schreiber entgehen können. Und falls diese erkenntnisresistent bleiben, können die anderen Mitleser den Filter justieren. Warum sollten sie dies tun? Weil die Postings der Betroffenen mindestens für den jeweils anderen Trollcharakter haben und jegliche Antwort nur zu unproduktiven Meta-Diskussionen führen wird. BTDT. Don’t feed the troll.

Wenn die Herrschaften nicht die ewige Weisheit Dieter Nuhrs befolgen, darf man also mit Hilfe von Filtern nachhelfen. Oliver Gassner formulierte in de.org.ccc einmal sogar, Plonken sei höflich. Ich kann auf die Schnelle leider nicht herausfinden, ob auch der sehr richtige Sinnspruch „Sei weise, plonk leise“ auf seinem Mist gewachsen ist, aber ich gehe stark davon aus. Ich schrieb einst zum gleichen Thema in dsnu Folgendes:

„Sei weise, plonk leise“ erspart sinnfreie Meta-Diskussionen (wie diese hier) über den *PLONK*. Denn eine Sache sollte klar sein: Über *Deinen* Filter bestimmst exakt Du. Allerdings bestimme auf gleiche Weise auch ich über *meinen* eigenen Filter.

Warum sind Filter denn nichts Schlechtes? PIRATEN sprechen sich doch für Transparenz aus? Auch aus Transparenz entwächst aber keine Verpflichtung, alles lesen zu müssen. Zitieren wir doch mal ein Posting aus dsnu von 1999:

Filtern ist nicht als „Ausgrenzung“ gedacht, sondern ganz einfach als automatisch erfolgte Auswahl der Artikel, die ich zu lesen gewillt bin. Du hast kein Recht, von jedem hier oder sonstwo gelesen zu werden. Genausowenig habe ich oder sonstjemand das Recht auf mit RN versehene Artikel oder gar auf Einhaltung der Netiquette. Aber lediglich entscheide *ich*, was ich lese.

Diese Möglichkeit steht einem natürlich nicht nur bei Newsgroups oder Mailinglisten offen, sondern auch bei sozialen Netzwerken. Bei Twitter, Facebook und Co. gilt nämlich das gleiche wie für den Fernseher: Es gibt einen Knopf zum Abschalten, wenn einem das Programm nicht zusagt. Bei Twitter sieht dieser Knopf so aus:

Entfolgen bei Twitter
Entfolgen bei Twitter
Natürlich ist es zusätzlich produktiv, wenn man den eigenen Filter nicht mit offener Hose spazieren trägt. Dietmar Kulsch hat öffentliche PLONKs einmal mit „Ich halte mich für so wichtig, Euch ungefragt mitteilen zu müssen, wessen Beiträge ich nicht lese, ja ich bilde mir sogar ein, ihr wollt von mir eine Empfehlung, wen ihr nicht lesen sollt.“ beschrieben. Twitter ist da mittels eines sehr sozial verträglichen Hashtags weiter, und eine Empfehlung am Follow Friday ist mehrere Millionen Male produktiver als eine öffentliche Filterankündigung. Dennoch ist Filtern nicht nur für Personen mit entgleisendem Blutdruck wichtig. Es möge aber vorzugsweise im Stillen geschehen. Danke.

  1. Die Mailinglisten der Piratenpartei wären vermutlich um einiges entspannter und produktiver, wenn diese Erkenntnis endlich mal um sich greifen würde. []
  2. Das gute, alte dsnu wurde vor einigen Jahren wegen akutem Trollbefall gelöscht und nach de.soc.usenet verschoben. []

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