Altlasten FAQs Netze und Systeme

Zeitdifferenz im Usenet

Wenn man annimmt, daß jemand zu jeder Stunde News holt, ist
es durchaus denkbar, daß es bis zu einer Stunde dauert, bis
seine Antwort verbreitet wird.

Wenn nun noch zusätzlich jemand anderes kurz vor dieser Ver-
breitung seinen Batch einsackt, ist diese Nachricht nicht
dabei, obwohl sie schon vor knapp einer Stunde geschrieben
wurde.

Wenn man sich jetzt noch ein paar Zwischenstationen hinzu-
denkt, die selbst nur in Intervallen News austauschen, zeigt
sich sehr deutlich, daß man zum Lesezeitpunkt alles andere
als 100% der bereits geschriebenen Artikel vorliegen hat.

Inhaltliche Ähnlichkeit ist in der ersten Stunde nach Ver-
öffentlichung des beantworteten Artikels ein sehr häufig zu
beobachtendes Phänomen. (Sehr einfach zu beobachten, bei
simplen Fragen in .misc Gruppen.)

Danach nehmen dann die Doubletten mehr und mehr ab und es
wird meist nur noch ergänzt.

Nun könnte man zwar sagen, daß derjenige mit der „ver-
zögerten“ Verbreitung auf „schnelle“ Antworten verzichten
sollte, doch das ist schlichtweg nicht praktikabel. 🙂

Ein weiterer Aspekt ist eine gewisse Quantiät bei Argu-
menten. Natürlich ist die Menge je nach Diskussionspunkt
irrelevant, aber es durchaus hilfreich zu sehen, daß es
mehrere Leute gibt, die ähnliche Standtpunkte vertreten.
Es ist auf jeden Fall hilfreicher, als irgendwelche
schweigenden Mehrheiten zu interpretieren.

Und im vorliegenden Fall wäre es durchaus denkbar, daß die
Kritik (falls sie nicht auch von anderen wiederholt würde
[weil sie ja schon da war]) einfach vom Tisch gewischt
würde, da es ja nur von „einem“ geäußert würde.

Wer nicht mag was er hört, wird immer Gründe finden,
es nicht beachten zu müssen.

(Cornell Binder <cobi@gib.mir.schlaege.de> in de.alt.admin,
Message-ID: <b90osm$kio1@cobis.msgid.de>

Christian Wiegand <christian.wiegand@planet-interkom.de> schrieb:

> kann mir jemand sagen warum z.T. bis zu 2 Tage zwischen dem Absenden
> und dem Download von NGbeitraegen liegen?

Ok, machen wir eine Reise. Eine Reise in die Urzeiten des Usenets (ok,
nicht ganz bis an den Anfang, nur ca. bis 1990):

Es gab noch kaum breitbandige Internetanbindungen, schon gar nicht für
Privatleute. Unis waren schon froh, wenn sie 64kbit hatten,
Standleitungen waren sauteuer. Damals wurden die Usenet-Daten nur
äußerst selten über das Internet übertragen, sondern per UUCP. (UUCP
steht für Unix to Unix CoPy, ein Verfahren, mit dem ich Dateien auf
einen entfernten Host übertragen und dort verarbeiten konnte.) UUCP ist
ein sog. „Store and Forward“-System. D.h.: Nehmen wir an, wir haben
Rechner A, B und C. Auf A werden jetzt ein paar Artikel geschrieben. Wie
verbreiten die sich jetzt im Usenet?

– A wählt sich z.B. alle 12 Stunden per Modem (2400 bit/s, wir sind ja
in 1990) bei B ein und schreibt die neuen Daten nach B und holt sich
die bei B aufliegenden für A bestimmten Daten ab.

– C wählt sich z.B. nur alle 2 Tage bei B ein und bekommt daher die
Artikel von A, die jetzt bei B liegen erst 2 Tage später.

Nehmen wir jetzt noch D hinzu, welches sich sowohl bei A als auch bei C
einwählt, und zwar alle 6 Stunden. Dann wird ein Artikel von A nach B
und D „geroutet“. C erhält den Artikel jetzt schneller von D. (Von B
würde er ihn zwar auch noch einmal bekommen, aber da C sieht, das die
Message-ID von dem Artikel bereits vorhanden ist [C hat den fraglichen
Artikel ja schon von D erhalten], verwirft er die Doublette einfach.
Dies ist auch der Grund, warum es so wichtig ist, das Message-IDs
eindeutig sind.)

Nun erweitere das Netz in Gedanken noch weiter, mit verschiedenen Links.
Dabei können auch Ringe entstehen und alle möglichen Querverkettungen
(diese sind sogar höchst erwünscht, das erhöht die Robustheit des
Netzes). Je nachdem, wie oft ein Rechner angewählt wird oder sich selber
irgendwo einwählt, reisen die Artikel schneller oder langsamer, auf den
verschiedensten Routen (dies kann man in der Header-Zeile „Path:“
nachvollziehen) durch das Netz.

Wie man sehen kann, kann die Zeit, die ein Artikel braucht, durchaus bei
einer Woche oder mehr liegen, und genauso lange braucht die Antwort.

[[ Aus dieser Zeit, wo äußerst selten das Internet mit seinem
TCP/IP-Protokoll als Transportweg für News benutzt wurde, stammt auch
die auch heutzutage immer wieder geäußerte Feststellung: „Usenet ist
nicht Internet.“ ]]

Ok, zurück in die heutige Zeit:

Heutzutage wird sehr oft bis fast immer das Internet als Transportweg
benutzt und die meisten Feeds sind nahezu Echtzeit (dieser Artikel hier
wird binnen Sekunden/Minuten auf den größten und wichtigsten Servern in
mindestens Europa aufliegen).

Die Verzögerungen kommen größtenteils von den Usern. Viele laden nur
einmal täglich neue Artikel herunter (evtl. automatisch jede Nacht um 3
Uhr, wie es früher fast alle Usenet-Hosts gemacht haben.) beantworten
diese und schicken diese dann erst dann ab, wenn sie das nächste mal
neue Artikel abholen. Und schon hast du 24 Stunden Verzögerung drin.
Daher kommt es auch heute noch immer zu Verzögerungen, die bei mehreren
Tagen liegen können, wobei nur äußerst selten das Usenet selber „schuld“
ist, sondern vielmehr das Posting-Verhalten der User.

Daher ist auch äußerst unhöflich, eine Frage zu stellen und dann 8
Stunden später zu mosern, warum einem denn keiner helfen wolle. Das
Usenet ist nunmal kein Echtzeit-Medium, wie z.B. IRC eines ist.

Ich hoffe mal, das beantwortet deine Frage.

(Sven Hartge <hartge.usenet@gmx.de> in de.newusers.questions,
Message-ID: <FMwuIB.2F3@ds9.argh.org>)

0 Kommentare zu “Zeitdifferenz im Usenet

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.