Aufreger Pflege und Gesundheit Politik und Gesellschaft

Gepflegtes Aussitzen und ein offener Brief

Dezember 2010: Es hat pflegegegipfelt. Gesundheitsvernichter Rösler macht es sich einfach. Er fordert von den Arbeitgebern der Pflege, den Pflegenden mehr Geld zu bezahlen. Das passt ins übliche Maulheldentum. Denn woher sollen die Arbeitgeber das Geld bitte nehmen? Aus der Pflegeversicherung ist keine zusätzliche Finanzierung zu holen, und die Feilschereien im Rahmen der Pflegesatzverhandlungen sind auch gedeckelt. Weil er dies vielleicht selbst ahnt, macht er sogar einen Vorschlag: Arbeitslose könnten als Pflegekräfte angelernt werden, um so Versorgungsengpässe abzumilden. Tolle Idee. So wird der drohende Pflegenotstand1 jedenfalls nicht abgewendet.

Diese Schnapsidee hatte er jedoch nicht als Erster. Regierende überlegen bekanntlich nicht immer genau, was ihre unbedachten Äußerungen auslösen. Da macht unsere Bundesmutti keine Ausnahme. Es sei nicht einzusehen, qualifizierte Pflegekräfte aus dem Ausland zu holen, wo es doch jede Menge unqualifizierte Hartz-IV-Empfänger gibt. (Das drückt ebenso eine Hochachtung vor den zu Pflegenden aus, die ja bequem von Ahnungslosen versorgt werden können, wie auch vor den Pflegenden, mit deren Qualifikation es ja nicht so weit her sein dürfte, wenn Bundesmutti so daherredet.) Oder wenn sie meint, bei einer Krankenhauseröffnung davon zu reden, dass Politik Pflegenden keine Lust an ihrem Beruf vermitteln kann. (Dabei wäre das doch wohl dringend nötig. Es gibt ja keine Pflegekräfte, die unbezahlt ihre Freizeit opfern, um sich um die zu Pflegenden zu kümmern, weil diese sonst von der Gesellschaft vergessen werden.)

Angeregt durch den Aufruf des Deutschen Pflegerats und inspiriert durch einige schon veröffentlichte Protestnoten formulierten2 auch die Mitarbeitenden des Ev. Altenheim Wahlscheid e.V.3 einen Brief an Angela Merkel. Über 100 ehren- und hauptamtliche Mitarbeitende der Altenheime Wahlscheid und Lohmar unterzeichneten den Protest, der mit etwas Verspätung4 letzte Woche endlich gen Berlin abgeschickt wurde. Ungefähr zeitgleich erhielt ein Absender, der schon im September sein Unbehagen verschriftlicht hatte, einen Textbaustein. Ein Zusammenhang ist unwahrscheinlich.

Den interessierten Mitlesern, die ihr ADHS noch nicht zum Wegklicken genötigt hat, möchte ich unseren Brief nach all der langen Vorrede jedoch nicht vorenthalten.

Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin!

Mit Unbehagen haben wir Ihre Äußerungen bezüglich des Einsatzes von Hartz-IV-Empfängern in der Pflege sowie zur Lust der Pflegekräfte an ihrer Arbeit gelesen.

Wir verstehen diese Äußerungen als Geringschätzung unseres Berufes und unserer Professionalität als Pflegekräfte. Sie passen ebenso wenig zu der von Ihrer Regierung angekündigten Stärkung der Pflegeberufe wie der kürzlich beschlossene Wegfall der Finanzierung des dritten Ausbildungsjahres bei Umschulungsmaßnahmen zur Alten- oder Gesundheits- und Krankenpflegefachkraft.

Sie erteilen mit solchen Äußerungen der in der durch die negativ voreingenommene Berichterstattung immer wieder geleugneten, aber tatsächlich durch aufopferungsvolle Arbeit ungezählter Pflegefachkräfte tagtäglich erreichten Qualität und Professionalität in der Pflege eine schallende Ohrfeige. Nicht nur würdigt dies den Einsatz der Pflegekräfte herab; es verschärft auch mittelbar den bereits bestehenden Fachkräftemangel, indem es Menschen abschreckt, die an einer Ausbildung in diesem anspruchsvollen Berufsfeld interessiert sind, und nimmt Pflegenden jene Lust an ihrer Arbeit, von der Sie am 3.9.2010 in einem Grußwort sagten, dass Sie sie den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern nicht vermitteln könnten. Wenn Sie dies erkannt haben, sollten Sie vielleicht auch erkennen, dass Sie mit solch leichtfertigen Äußerungen die bestehende Lust der Pflegenden aktiv beeinträchtigen.

Es werden nicht nur helfende Hände in der Pflege benötigt, sondern auch und vor allem qualifiziert denkende Köpfe mit hohen sozialen Fähigkeiten, denn zu einer professionellen Pflege gehört weit mehr als nur Hilfe bei Körperpflege und Ausscheidungen oder beim Essen. Professionelle Pflegekräfte müssen in der Lage sein, Probleme wie Dekubitus- und Thrombosegefährdung frühzeitig zu erkennen und abzuwenden, mit psychosozialen Problemen wie Depressionen, Demenz, Ängsten und Aggressivität behutsam umzugehen und gleichzeitig ein komplexes System aus Pflege, Betreuung und Therapie sinnvoll zu steuern. Dies können nicht oder nur unzureichend ausgebildete Hilfskräfte nicht leisten.

Im Gegenteil: Ungelernte Hilfskräfte, die nicht gewohnt sind, unter Druck zu arbeiten, würden die bestehenden Personaldefizite nicht lindern, sondern sogar noch verschärfen, weil die Fachkräfte umso umfänglicher die von anderen geleistete Arbeit überprüfen müssten, was ihnen umso weniger Zeit für ihre eigentlichen Aufgabe ließe. Bereits der Versuch, Langzeitarbeitslose zu BetreuungsassistentInnen nach §87b fortzubilden, scheiterte daran, dass viele der so Qualifizierten aufgrund mangelnder Belastbarkeit keine attraktiven Arbeitskräfte darstellen und daher nicht vermittelbar sind.

Das gesellschaftliche Problem, das durch die in absehbarer Zeit anstehende Verdopplung der Zahl der zu pflegenden Senioren entsteht, wird von der Politik weiterhin sträflich ignoriert. Halbherzige, undurchdachte Schnellschüsse wie die oben genannten, sind bestenfalls Aktionismus und Spiegelfechterei. Der Personalmangel in der Pflege drückt sich mittlerweile sogar in „Kopfprämien“ aus, die Einrichtungen für abgeworbene Fachkräfte zahlen. Wenn sich zeitgleich Träger von Altenpflegeeinrichtungen dafür aussprechen, die Fachkraftquote von 50% zu senken, liegt dies nicht daran, dass sie darin ein Einsparungspotential erkennen, sondern daran, dass das nötige qualifizierte Personal derzeit nicht auf dem Arbeitsmarkt zur Verfügung steht.

Eine öffentliche Würdigung der gesellschaftlichen Bedeutung und der Leistungen der Pflege, in der Tag für Tag und Jahr für Jahr Pflegende am oberen Ende ihrer Möglichkeiten dafür sorgen, dass Menschen, die auf Hilfe angewiesen sind, diese in professioneller, menschenwürdiger und liebevoller Art und Weise erhalten, erscheint daher mehr als angemessen.

Wir greifen den Vorschlag von Ludger Risse, Vorsitzender der Landesarbeitsgemeinschaft der Pflegeorganisationen Pflegerat NRW, auf und empfehlen Ihnen und Ihren zuständigen Ministern eine Pflegereise – analog zu Ihrer Energiereise vom August 2010. Dafür laden wir Sie auch gerne zu einem Abstecher in unsere beiden Pflegeeinrichtungen ein, so dass Sie sich einen Überblick über die Aufgaben und Arbeiten der Pflege vor Ort verschaffen und gemeinsam mit den betroffenen Fachkräften aus der Pflege über pflegepolitische Aspekte austauschen können. Dabei sollten u.a. folgende Themen angesprochen werden:

a) die gezielte Auseinandersetzung mit den Rahmenbedingungen und inhaltlichen Voraussetzungen der Tätigkeit von Fachkräften in der Pflege,
b) nachhaltige Maßnahmen zur Steigerung der Attraktivität des Berufsfeldes,
c) die sinnvolle und nachhaltige Rekrutierung von qualifiziertem Pflege-Nachwuchs sowie
d) die gezielte Eingliederung und Qualifizierung von Menschen, die Hartz IV empfangen.

Mit freundlichen Grüßen
[…]

Mal sehen, ob wir unsere Antwort schneller erhalten. Jetzt, wo der Herbst der Entscheidungen vorbei ist, kann sich die Regierung ja wieder dem gepflegten Nichtstun widmen.

Update, 22. Januar 2011: Das Bundeskanzleramt hat geantwortet.

  1. Im Jahr 2025 werden laut Bundesregierung rund 152.000 Pflegekräfte fehlen, um die dann zu erwartende Zahl an Krankenhauspatienten und Pflegebedürftigen zu versorgen. []
  2. Lies: Einer formuliert (in diesem Fall: ich), die Leitungsgremien geben Verbesserungswünsche ab, ich setze um, die Mitarbeiter lesen und befinden den Vorschlag für gut. Das kann bei einem Betrieb, der üblicherweise andere Dinge zu erledigen hat als Protestnoten zu verfassen, auch mal etwas dauern. []
  3. Mein Arbeitgeber. Für die nicht mehr wirklich taufrische Website bin ich übrigens nicht verantwortlich. []
  4. Wie gesagt: Das kann bei einem Betrieb, der üblicherweise andere Dinge zu erledigen hat als Protestnoten zu verfassen, auch mal etwas dauern. []

2 Kommentare zu “Gepflegtes Aussitzen und ein offener Brief

  1. Ich glaube kaum, dass sich die Regierung jetzt wirklich um die dringenden Probleme kümmern wird. Dazu scheint sie einfach nicht in der Lage zu sein und ich traue denen auch nicht zu ihr Verhalten bald zu ändern.

  2. Man darf die Hoffnung nicht aufgeben. Aber realistisch betrachtet, haben schwarzgelbe Regierungen immer umfassenden Mist gebaut.

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